In meiner WG tobt der Wahnsinn seit am Mittwoch Ryan, Jorges Ex-Mitbewohner, einem Messias gleich aufgetaucht ist. Diesen Namen trägt er jetzt auch (in Variation mit Jesus, Heiland, Heiliger etc.). Das kommt daher, dass seit meinem Einzug kein Tag verging, an dem Jorge nicht von dem Messias redete und auch alle anderen schienen regelrecht verliebt in ihn zu sein, sodass der Eindruck entstand, wenn der Messias eintreffen würde, würde alles gut werden und er würde uns alle mit seiner Weisheit, seinem Charisma und seiner Heiligkeit in den Bann ziehen. Además, passt es natürlich, dass schon die alten Erasmus-Leute und Jorges Freunde den Plaza San Juan, also Ort unserer Residenz in Plaza San Jorge umtauften und dazu, dass der Heilige Georg ständig Lebensweisheiten verbreitet, die mir manchmal tierisch auf den Keks gehen. Etwa: Neinnein,dir ist gar nicht schlecht,dass ist alles psychosomatisch. Ein Optimist wie er im Buche steht, aber völlig übertrieben. Viel muss er noch lernen,der Gute! Zurück zum amerikanischen Wahnsinn: Seit Ryan hier aufgetaucht ist, herrscht das Chaos in der gesamten Wohnung, da er beispielsweise seine fünf Paare Schuhe überall herumliegen lässt,ebenso wie seine Gitarre und seine Würde. Unfassbar! Ein Tag mit Ryan ist noch fataler als ein "normaler" spanischer Tag: Aufstehen am Mittag oder Nachmittag, dann sofort im Schlafanzug oder Jogging-Look in irgendein Café um eine fettige spanische Mahlzeit mit Tortillas, Pan und Patatas Fritas zu sich zu nehmen, darauf folgen noch einige weitere Cafés, vielleicht auch ein Schachspiel oder sonstige Einfälle und daaaaaaaaaaaann um sieben oder acht klimpert er vielleicht wenn es ihm einfällt auf seiner Gitarre herum oder lehrt seinem treusten Jünger den Heiligen Georg die besten Lebensweisheiten... Um acht will er sich dann auch meistens schon mit irgendwelchen Leuten treffen und dann verbringt er eigentlich die ganze Nacht in Bars und Diskotheken, manchmal schläft er danach auch einfach nicht und zerstört unsere Küche, indem er den Gasofen fast in Brand setzt, Gläser auf den Boden wirft und sonstige tonterías macht. Seit seiner Ankunft behauptet er außerdem, dass es "morgen" nach Sevilla geht, aber da er ja ständig mit dem Wahnsinn, der sich sein Leben nennt, beschäftigt ist, ist er nicht dazu in der Lage und willens etwas zu planen, deshalb ist nun der Plan "morgen" die Stadt zu verlassen... wers glaubt!
Aber damit ist der Wahnsinn hier nicht annähernd beschrieben, unser Haus ist eigentlich ohnehin schon ein Irrenhaus: Über uns wohnt ein transsexueller Architekt,der den gleichen Namen trägt wie mein Mitbewohner und neben uns wohnt einer der bedeutendsten spanischen Poeten der Gegenwart: Miguel Suárez.
http://www.nortecastilla.es/20091003/cultura/miguel-suarez-recuperado-20091003.html
Leider ist er naturgemäß sehr sensibel und hat schon mindestens dreimal damit gedroht seinem Leben voller Zahnschmerzen ein Ende zu setzen. Zum Arzt will er nicht gehen, statt dessen ernährt er sich hauptsächlich von Orangen und Zigaretten, sowie von dem Geld,dass er sich von meinem Mitbewohner pumpt. Eines Tages werden wir mal mit einer Flasche Wein zu ihm hinüber gehen und ihn seine sich in unserem Besitz befindlichen Gesammelten Werke signieren lassen... Man weiß ja nie!
Auch der Plaza San Jorge vor unserem Haus ist ein wahres Paradies für anthropologische Studien. Man muss sich einfach nur auf den Balkon stellen und die tobende Menge von Spaniern beobachten, gerne auch begleitet von lautstarken Kommentaren. Da unsere Balkontür immer auf ist, fühlt man sich auch nie alleine, die Wände sind so dünn, dass man im Bett liegend das Gefühl nicht los wird, dass sich die halbe Stadt in der eigenen Wohnung aufhält (was während Ryans Besuch real der Fall war,aber das ist eine andere Geschichte).
Wie immer schließt dieser Eintrag mit Fotos.
Ein vergleichsweise seltenes Ereignis in diesen Tagen:
Und täglich grüßt das Murmeltier..Sara und unser Internet
Zum guten spanischen Leben gehört auch gutes Essen. Mittlerweile habe ich meine Kocherfahrung schon um Pasta mit Krabben, Flammkuchen und Pilz-Risotto erweitert. To be continued..

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